ich steine, du steine
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I. Ende, hast du gesagt. Und ich habe es auch so gemeint. Ich habe mich ausgehungert für dich, ich habe mich ausgezehrt für dich. Man sagt, dass die Tiefe der Liebe erst nach der Trennung ersichtlich ist, und auch wenn du mich beim ersten Mal zerstört hast, bin ich beim zweiten Mal nicht einmal mehr gestolpert.

II. Bei unserem zweiten Treffen hast du mir von deinem Gepäck erzählt, und dass du willst, dass ich es kenne, weil du willst, dass ich verstehe. Weil du mich magst. Neulich habe ich dich wieder gesehen, glücklich, Hand in Hand, mit dem Kinderwagen vor dir. Im Endeffekt glaube ich, dass du das Ganze selbst nie verstanden hast.

III. Als ich dich das erste Mal lächeln sah, war da nur die Frage danach, wie sich die Rillen deines Schneidezahns, an dem der Sommer klebte, anfühlen, wenn man mit der Zunge darüber fahren würde. Bei dir habe ich mich das erste Mal wieder in Worten verloren, habe mit den Buchstaben getanzt und dir die Sätze auf die Haut geschrieben. Aber Poesie ist nicht für jeden und es scheint, als hätte ich eine Fremdsprache gesprochen.

IV. In dem Moment, in dem ich dir sagen wollte, dass ich über dich hinweg bin, brach mir die Stimme weg. Die sorgsam ausgewählten Worte wollten nicht mehr über die Lippen kommen. Ich wollte dir sagen, dass ich es Leid war, neben dir zu liegen und mir anzuhören, wie sehr du dich in meinen Augen verlierst. Ich war müde davon, hinter meine Lider zu greifen und dich wieder heraus zu fischen. Ich war erschöpft von dem Gedanken, dass du mich nicht halten würdest. Und dann standest du auf einmal hinter mir, hast die Arme um mich gelegt und mir den Nacken geküsst und ich habe mich gefragt, wie ich denn so müde sein kann, wenn du mich doch so sehr hältst.
12.12.16 23:04


"Ich kenne da ein Mädchen. Eines Morgens ist sie neben dem leblosen Körper ihres Freundes aufgewacht. Er war quasi da, aber auch nicht da. Stell dir das mal vor, sie wacht auf und er ist weg. Das muss furchtbar sein." Ich blicke starr auf das Muster der Holzmaserung des Tisches, kratze mit dem Fingernagel die Rillen aus und schnipse die Holzreste unbedacht weg. Aus unseren Kaffeetassen steigt der Dampf auf. Sie rührt mit dem Löffel den Schaum unter die Flüssigkeit und blickt mich an. "Denkst du da oft dran?", fragt sie vorsichtig. "Ich meine, wenn du neben ihm liegst?" Ein leichter Schauer rinnt den Rücken herab, die Härchen stellen sich auf. Ein Gedanke an dich reicht um meinen Körper auf Spannung zu bringen. Ich nehme die Tasse in die Hand, setze sie vorsichtig an und nippe leicht am Kaffee. Einen Moment schweige ich. "Weißt du, es ist unendlich schön ihn an meiner Seite zu haben", sage ich dann. "Es ist leicht und frei und es kitzelt überall. Und bisher dachte ich, das muss so sein, denn es ist frisch und rosa und neu. Ich habe dem Ganzen keine große Bedeutung beigefügt. Aber seit ich diese Geschichte gehört habe, liege ich manchmal nachts neben ihm und halte vorsichtig eine Hand über seinen Mund und seine Nase, um sicher zu gehen, dass er noch atmet. Dass er noch da ist. Ich dachte, dass wäre gar nicht so groß, aber vielleicht hab ich mich getäuscht." Ich verstumme. Und sie nickt und lächelt und versteht. Dann trinken wir unseren Kaffee weiter.
24.8.16 16:29


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